Kategorien
Geld Geld+Kapital

Zwischenraum Geld

Eine Intervention im Kunstraum Tosterglope

Der Kunstraum Tosterglope zeigt vom 26. September bis 25. Oktober 2020 die Ausstellung »Die Fülle der Zwischenräume«. Franz Hansert weist in seinem textlichen Beitrag auf das GELD hin, das er als vermittelndes Element ohne eigenen Wert im ZWISCHENRAUM von Produzenten und Konsumenten sieht. (ku)

Geld gilt als zentraler und universeller Wirtschaftswert. Jedoch ist Geld nicht eher das Verbindungsglied von wirtschaftlicher Produktion und Konsum? Dann lebt es im ZWISCHENRAUM zwischen Wirtschaft und Verbraucher, also in einer vermittelnden Sphäre, ohne eigenen Wert.

Wenngleich diese Betrachtung ungewöhnlich erscheinen mag, wird sie von immer mehr Akteuren geteilt, von Wissenschaft und Politik, von Publizistik und Zivilgesellschaft. Die Frage »Was ist Geld?« ist in der öffentlichen Diskussion angekommen, befördert durch die Wirtschaftskrise 2008 und aktuell durch die Corona-Pandemie.

Vielfältige Beiträge weisen alle in die gleiche Richtung: Geld muss eine Beziehung zur realen Wirtschaft einnehmen. Dies ist seit langem nicht mehr der Fall.

War Geld, Geldmenge, Zins lange Zeit eine undurchsichtige Disziplin von scheinbar neutralen Währungshütern, so interessieren sich immer mehr Menschen für den Charakter des Geldes. Grundlegend ist eine Erkenntnis, die noch vor zehn Jahren im öffentlichen Bewusstsein als absurd abgetan wurde: Geld wird von Privatbanken geschöpft, d. h. durch einen einfachen Buchungsvorgang erzeugt. Ohne realen Bezug zu wirtschaftlicher Tätigkeit, ohne irgendeine »Deckung«. Eines der Probleme hierbei liegt darin, dass weltweit nur 10 % der geschöpften Gelder in die Realwirtschaft gelangen, 90 % in den Derivatehandel und sonstiges finanzwirtschaftliches Jonglieren.

Die im deutschsprachigen Raum rege Vollgeld-Initiative1 verlangt daher, dass dieser Geldschöpfungsvorgang demokratisch kontrolliert in die Hände der Zentralbanken gehört. In der Schweiz fand darüber ein Volksentscheid statt.2

In den USA rückt die Modern Monetary Theory in das Blickfeld der Ökonomen.3 Danach kann der Staat einerseits zu seiner Aufgabenerfüllung und andererseits zur Konjunktursteuerung beliebig Geld schöpfen, um es für notwendige Arbeiten in Infrastruktur, Gesundheit, Bildung etc. einzusetzen.

Aktuell fordert der US-Demokrat D. A. Ferguson4 eine Geldreform mit dem Ziel, die Geldmenge in die Öffentlichkeit des Parlaments zu rücken und zu kontrollieren. So steht es im Parteiprogramm der Demokraten für die Wahlen zum Kongress in Michigan.

Grundsätzlich richtig ist auch, dass in Deutschland und der EU aktuell unvorstellbar große Geldmengen durch den Staat und die Zentralbanken für die Wirtschaft bereitgestellt werden, um gesellschaftliche Verwerfungen im Zusammenhang der Corona-Pandemie zu verhindern. Anders als in Frankreich schickt der Staat als Geldgeber hier im Gegenzug nicht einmal Vertreter in den Aufsichtsrat begünstigter Unternehmen oder verknüpft die Investition mit ökologischen oder sozialen Auflagen.

Wobei der Staat noch nicht einmal eine gute Lösung wäre – man könnte es besser machen: Es bräuchte ein staatsunabhängiges Kompetenzforum im Sinne eines Wirtschaftsrats, dem Banken, Wirtschaftsverbände, Verbraucher und Vertreter aus der Wissenschaft angehören.

Denn eine Wirtschaft der Zukunft, die sich ernsthaft an den Bedürfnissen und den Möglichkeiten – d. h. an der Verträglichkeit für Mensch und Natur orientiert – braucht eine echte Wissensbasis, keine unsichtbare Hand.

Der Wirtschaftsexperte Karl-Heinz Büschemann geht noch weiter: »Nur mit der gesellschaftlichen Akzeptanz seiner großen Unternehmen bleibt die Wirtschaftsnation (Deutschland) Nummer Eins in der EU und ein nennenswerter Spieler im internationalen Wettbewerb.«5

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Sinnhaftigkeit der Wirtschaftsproduktion – Purpose im aktuellen Diskurs – ist die eigentliche Gestaltungsfrage der Gesellschaft und entscheidend für deren Zukunft und Zusammenhalt. In der richtigen Handhabung von Geld als »Ver-Mittler« aus dem ZWISCHENRAUM zwischen Produktion und Konsum heraus liegt der Schlüssel für die Bewältigung dieser Aufgabe.

Ein Blick auf die sogenannte Geldmenge soll eines der elementarsten Probleme beleuchten: Wenn die vorhandene Geldmenge den Wert der produzierten Waren übersteigt – was gegenwärtig mehrfach der Fall ist –, wird die Erde zum Anlageziel, zu käuflicher Ware, also Grund und Boden und was sich darüber oder darunter befindet. Wo sonst sollen Gelder, denen keine produzierten Güter oder Dienstleistungen gegenüberstehen, »krisensicher« angelegt werden? Die damit verbundenen rapiden Preissteigerungen werden künftig wegen der ungleichen Besitz- und Machtverhältnisse unlösbare soziale Probleme produzieren. Wohl denen, die heute, vor allem in den Metropolen, in Genossenschaftsimmobilien wohnen, günstig und ohne Spekulationsdruck.

Der hier verfolgte Ansatz einer neuen Ökonomik, die die Geldfrage in den Mittelpunkt stellt, bezieht seinen Optimismus aus den vielen jüngeren Studien und Aktivitäten zu diesem Thema. Gemeinsam ist ihnen die Einsicht und die Forderung, dass Geld immer parallel zur Wirtschaft geführt werden muss, und immer in der Balance zu der Wirtschaftsleistung. Heute existiert ein Durcheinander von riesigen privaten Geldmengen und geschöpften Geldern von privaten Banken und von den Zentralbanken. Sobald die von privatem Geld geführten Wirtschaftsbereiche in Krisen oder strukturelle Verwerfungen geraten (Automobilindustrie, Gesundheitsindustrie, Atomenergie usw.), wird der sonst geschmähte Staat zur Geldschöpfung gefordert. – Es geht aber auch anders. Die folgen Anmerkungen stellen nur einen sehr kleinen Ausschnitt der stark wachsenden Aktivitäten dar, die den ZWISCHENRAUM GELD entdeckt haben.

12. September 2020


Anmerkungen

  • Der Hinweis auf D. A. Ferguson entstammt der Monetative, einer übernational forschenden und agierenden Vereinigung, die sich mit der Vollgeld-Theorie befasst. »Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld? Weshalb eine Geldreform nötig ist, um eine nachhaltige, stabile und krisensichere Wirtschaft zu erreichen.« monetative.de
  • Die europäische Kreditinitiative verfolgt eine umfassende Begründung für eine Geldreform, die zwingend ist, wenn eine ökologische Korrektur der Wirtschaft gelingen soll. Seit über 50 Jahre wird dort das Geldwesen in ausführlichen Studien bearbeitet. creditinitiative.de
  • Ausgehend von der Aufdeckung und Bekämpfung von Finanzkriminalität steht die Bürgerbewegung Finanzwende für ein stabiles Finanzsystem und umweltfreundliche Finanzmärkte im Sinne der Bürger anstatt der Finanzlobby. finanzwende.de
  • Dass Geld als Wirtschaftswert – wie eine Ware – betrachtet und behandelt wird, aber nicht durch einen gleichzeitigen Wertverlust »aufgezehrt« wird, ist für den Wirtschaft- und Sozialwissenschaftler Aaron Sahr die Ursache und Grundirrtum der gegenwärtigen Krisen. Er liefert eine ausführliche Geldtheorie und stellt die Frage: »Wer soll und darf darüber entscheiden, wie viel Geld es gibt und für welchen Zweck es geschaffen wird?«
    aaron-sahr.de
    Hambuger Institut für Sozialforschung HIS, und https://www.deutschlandfunk.de/ueber-das-geld-die-rueckkehr-des-geldes-in-die-politik.1184.de.html?dram:article_id=461184


Fußnoten

  1. https://vollgeld.page/
  2. Im ersten Anlauf wurde das Anliegen 2018 von Dreiviertel der Schweizer abgelehnt, es ist aber in das breite Bewusstsein gedrungen und wird weiter verfolgt. https://www.vollgeld-initiative.ch/
  3. »Geld lässt sich beliebig vermehren«, Interview mit Stephanie Kelton in der Süddeutschen Zeitung, 16.12.2018
  4. https://monetative.de/wird-die-private-geldschoepfung-zum-wahlkampfthema-in-den-usa/
  5. Süddeutsche Zeitung, 29.08.2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert